Service Center

Inhalt

Diagnose Phobie

Manche Menschen versetzt eine kleine Spinne in Angst und Schrecken. Andere gehen fünf Stockwerke zu Fuß, weil sie in Aufzügen Schweißausbrüche bekommen, oder nehmen lange Autofahrten in Kauf, um keinesfalls ein Flugzeug benützen zu müssen. Wieder andere meiden weite Plätze, hohe Gebäude, Brücken, Tunnel, Zahnärzte oder soziale Kontakte. Damit muss man nicht leben. Es gibt wirksame Therapien.   

Schon wieder eine Party. Für Hans K. sind gesellschaftliche Anlässe die Hölle. Er irrt schweigend von Gruppe zu Gruppe, umklammert verkrampft sein Weinglas und hofft, nicht angesprochen zu werden. Sobald die Aufmerksamkeit auf ihn fällt, spult er ein inneres Tonband ab, mit immer denselben Fragen: Wie komme ich an? Warum bin ich so uncool? Wie sehen mich die anderen? Hoffentlich mache ich nichts falsch. Der 32-jährige Wiener fühlt sich dann so richtig unwohl. Selten bringt er ein Wort heraus. Wenn doch, wirft er eine einsilbige Bemerkung in den Raum, die so allgemein und unverbindlich dahergestottert kommt, dass keiner antwortet. Stattdessen: peinliches Schweigen. Wenn ihn dann alle anstarren, bekommt er heftiges Herzklopfen und Schweißausbrüche. Ein kleiner Scherz könnte die Situation retten. Doch ihm fehlen die Worte. Er schaut zu Boden, meidet Blickkontakte. Aus Scham. Seine Muskeln verkrampfen sich. Stocksteif wie eine Schaufensterpuppe und mit rotem Kopf schleicht er davon. Die Blamage ist perfekt.
Soziale Angst spielt sich im Kopf ab. Sie wird ausgelöst von Angst machenden Gedanken, von Katastrophenerwartungen und negativer Selbsteinschätzung. Dahinter steckt die Angst, vor anderen Menschen zu versagen. Unsicherheit im Umgang mit anderen kennt jeder von uns. „Doch wenn die Angst zur quälenden Belastung wird, sodass sie die Lebensqualität erheblich einschränkt, handelt es sich um eine Krankheit“, erläutert Dr. Wolfgang Sandner, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Leiter der Sozialpsychiatrischen Ambulanz auf der Baumgartner Höhe. Hans K. leidet an einer sozialen Phobie. Betroffene haben eine irrationale Angst, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Veranstaltungen, Restaurantbesuche oder Bewerbungsgespräche werden zu unüberwindbaren Hürden. Das kann so weit führen, dass sich Sozialphobiker nicht mehr aus dem Haus trauen, und das hat gravierende Folgen wie Vereinsamung, Arbeitslosigkeit oder Depression. Der Rückzug verstärkt wiederum die Angst. Ein Teufelskreis.

Phobien haben viele Gesichter

Die soziale Phobie ist zwar die häufigste, doch nur eine Form der Phobie. Panik vor Spinnen, Schlangen oder Mäusen (Tierphobie), Angst, über freie Plätze zu gehen (Agoraphobie), Höhen- und Flugangst, übertriebene Angst vor dem Zahnarzt und Klaustrophobie sind ebenfalls weit verbreitet. Manche leiden an der Angst zu erröten (Erythrophobie) oder an Aids zu erkranken (Aids-Phobie).

Phobien sind eine qualvolle Spielart der Angst und bezeichnen laut Sandner eine unbegründete oder objektiv nicht gerechtfertigte, wiederkehrende Furcht vor bestimmten Situationen, Objekten oder Personen. Die Symptome reichen von einem leichten Unbehagen, Denk- und Wahrnehmungsstörungen bis zur Panikattacke mit Herzklopfen, Übelkeit, Schweißausbrüchen und Schwindel. Sobald Martin W. einen Aufzug betritt, fängt sein Herz an zu rasen, er wird blass, zittert und bekommt schwer Luft. Er leidet unter Klaustrophobie, der Angst vor engen und geschlossenen Räumen. Der 42-Jährige weiß, dass seine panische Angst vor Fahrstühlen völlig unbegründet und übertrieben ist. Dennoch geht er lieber zu Fuß - auch wenn es sich um zehn Stockwerke handelt. Bei einer Phobie setzt der Verstand aus. Phobiker wissen, dass Flugzeuge ein sicheres Verkehrsmittel, Spinnen ungiftig und Mäuse ungefährlich sind. Woher die Angst kommt, bleibt meist im Dunkeln. „Die Ursache für eine Phobie kann eine angeborene Verletzlichkeit genauso wie ein belastendes Lebensereignis oder ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit sein. Meist spielen mehrere Faktoren zusammen“, erklärt Angstexperte Sandner. Für manche kommt die Krankheit aus heiterem Himmel. Anderen machen altvertraute Ängste das Leben zur Hölle.

Phobien im Visier

Phobiker versuchen Angst auslösende Situationen zu umgehen. „Neben diesen Vermeidungsversuchen können Phobien von depressiven Verstimmungen bis zu Selbstmordversuchen führen“, sagt Sandner. Der Leidensdruck hängt auch davon ab, inwieweit der jeweilige Auslöser vermieden werden kann. Eine Schlangenphobie stellt in unseren Breiten kein größeres Problem dar. Wenn aber ein österreichischer Manager nach New York muss und nicht fliegen kann, kostet ihn seine Flugangst den Job.

Manche quält eine Phobie ein Leben lang. Dabei verlieren die Angstauslöser durch Therapien ihren Schrecken. „Verhaltenstherapie und medikamentöse Behandlung zeigen eine hohe Erfolgsquote“, bestätigt Sandner. Bei der Konfrontationstherapie müssen sich die Patienten ihrer Angst stellen und genau jene Situationen durchstehen, vor denen sie am meisten Angst haben: Spinnen streicheln oder trotz Höhenangst auf einen Berg klettern.

Auch Hans K. hat sich entschieden, seiner Sozialphobie den Kampf anzusagen und seinen Ängsten auf den Grund zu gehen. Erste Erfolge seiner Verhaltenstherapie ermutigen ihn weiterzumachen. Zwar zählen große Feste immer noch nicht zu seinen Vorlieben. Aber der Gedanke daran versetzt ihn nicht mehr in panische Angst und Schrecken.

Text: Eva Mandl


Zum Hauptmenü zurück
 
Site by OgilvyInteractive